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SPD-ORTSVEREIN ZEIL

Viele Gratulanten kamen zum Festabend anlässlich des 100-jährigen Jubiläums

Ortsvereine aus dem Umland, Bürgermeister, Stadt- und Landräte, viele Menschen aus nah und fern füllten die Gratulantenliste, die im Gasthaus „Sonne“ in Ziegelanger auslag. Dabei waren längst nicht nur politisch Gleichgesinnte zur 100. Geburtstagsfeier des Zeiler SPD-Ortsvereins gekommen.

ZEIL - Der langjährige Vorsitzende der Zeiler SPD, Ludwig Leisentritt, hatte viele Hände zu schütteln und Gratulationen entgegen zu nehmen. Er tat dies offensichtlich gerne und mit einem strahlenden Lächeln, bevor er die Geschichte des SPD-Ortsvereins im Rahmen der Begrüßung kurz anschnitt und hernach gemeinsam mit Thomas Stadelmann in einer Bilderschau Revue passieren ließ.

Dass man für die Jubiläumsfeier Ziegelanger gewählt hatte, kam nicht von ungefähr, sondern der Stadtteil von Zeil war Gründungsstätte, als sich 1907 zehn Steinhauer zur Gründung des SPD-Ortsvereins zusammenfanden. Sehr passend auch, dass die „Amsigallen“ in Steinhauerkluft den Festabend musikalisch untermalten.

Es hat sich viel verändert in den vergangenen hundert Jahren – politisch betrachtet gerade für die Sozialdemokraten. Noch ein Jahr vor der Gründung hatte Kaiser Wilhelm II. an Herrn von Bülow geschrieben: „Erst die Sozialdemokraten abschießen, köpfen und unschädlich machen“. Gelungen ist dies freilich nicht, sondern der einst bei der Obrigkeit so verhassten politischen Gruppierung ist es mit Mühe, Ausdauer und persönlichen Opfern gelungen, Rechte durchzusetzen, die heute selbstverständlich erscheinen, wie es die Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages, Dr. Susanne Kastner, in ihrer Ansprache formulierte. Dass die hochrangige SPD-Politikerin bei einem solchen Anlass nicht fehlen durfte, versteht sich von selbst.

Wenn man die Gegenwart verstehen wolle, sei es wichtig die Vergangenheit zu kennen, so die Vizepräsidentin. Bei ihrem Weg in den Fraktionssaal der SPD gehe sie am Namensschild von „Otto Wels Saal“ vorbei und sei jedes Mal berührt vom Mut und der Standfestigkeit dieses Sozialdemokraten. In Zeiten, da man nicht wisse, wo es mit der SPD, mit Deutschland, mit Europa hingehe, gelte es Farbe zu bekennen. „Entscheidungen, die Auswirkungen auf die ganze Gesellschaft haben, können nicht ohne Beteiligung der Bevölkerung gemacht werden“, betonte Kastner.

Es brauche mehr engagierte Bürger, die sich Gedanken über die Zukunft der Demokratie machten, Visionen entwickelten und Lösungsansätze vorschlagen. Die Zeiler SPD sei solch ein Ort, wo konstruktive Auseinandersetzungen geführt werden, wo über Zukunft nachgedacht werde, so Kastner. Gemeinsam könne man viel erreichen – für Deutschland und für die Menschen in diesem Land. Das hätten auch die zehn Steinhauer bei ihrer ersten Zusammenkunft 1907 gewusst. „Deshalb sage ich nochmals herzlichen Glückwunsch der Zeiler SPD zu 100 Jahren gelebter Geschichte und danke allen engagierten Demokratinnen und Demokraten“, schloss die Vizepräsidentin.

Natürlich gratulierte nicht nur die wohl prominenteste SPD-Politikerin der Haßberge dem Ortsverein, sondern auch Landrat Rudolf Handwerker war gekommen. Der Bilderrückblick habe auch bei ihm tiefliegende Erinnerungen geweckt, so Handwerker. Gerade der Besuch Willy Brandts werde ihm immer in Erinnerung bleiben, habe er doch damals die Gelegenheit gehabt, eine halbe Stunde ganz alleine mit Brandt zu sprechen. Auch der Landrat ging kurz auf die Geschichte der Zeiler SPD ein und erinnerte an die Zustände, gegen die die Zeiler SPD sich aufgelehnt habe. Die Bestrebungen seien immer konstruktiv auf das Wohl der Bürger ausgerichtet gewesen, man habe sich auch um die kleinen Dinge des Alltags gekümmert. Schon damals, als es 1910 um eine Bierpreiserhöhung ging. „Die SPD wusste eben wofür es zu kämpfen lohnt“, stellte Handwerker fest, „damals wie heute.“

Auf diesen spektakulären Bierstreik war auch Vorsitzender Leisentritt im Rahmen einer Anekdotensammlung eingegangen und was er berichtete, trug ungemein zur allgemeinen Belustigung bei: „Die bürgerliche Führungsschicht hatte wenig Interesse am niedrigen Bierpreis. Denn „Soziverfolger“ Bismark soll gesagt haben: „Es gehört zum deutschen Bedürfnis, beim Bier schlecht von der Regierung zu reden.“

Da Leisentritt zum einen historisch sehr bewandert ist, zum andern seit 1958 – damals als junger JUSO-Spund, wie er sich selbst bezeichnete – für die SPD aktiv ist, wusste er von einer Vielzahl lustiger Begebenheiten zu berichten und sein Wunsch, den Gästen ein Schmunzeln zu entlocken, hat sich erfüllt. Ja, es durfte gelacht werden. Schließlich sollte die Jubiläumsveranstaltung nach Willen des Vorsitzenden ja auch keine „himmelhochjauchzende Huldigung auf Beerdigungsniveau“ werden. Doch das war es auch nicht, sondern es wurde ein kurzweiliger, unterhaltsamer Abend. So wie es Leisentritt zu Beginn versprochen hatte.

Es sei ein großer Verdienst der SPD, dass man heute eine demokratische Grundordnung habe, stellte Zeils Bürgermeister Christoph Winkler in seinem Grußwort fest. In der Stadt Zeil habe die SPD immer richtungsweisend mitgearbeitet und wichtige Entscheidungen zur Infrastruktur herbeigeführt, beziehungsweise mitgetragen. Im Stadtrat herrsche eine offene und oftmals herzliche Zusammenarbeit vor. Dafür dankte Winkler und wünschte der SPD viel Erfolg als Volkspartei, bei der Mitwirkung zur politischen Willensbildung.

Eigentlich sollten keine Ehrungen stattfinden, doch das nunmehr 25 Jahre währende Engagement Ludwig Leisentritts als 1. Vorsitzender der Zeiler SPD wurde dann doch von Helmut Trautner hervorgehoben. Leisentritt sei seit einem viertel Jahrhundert der Motor der Zeiler SPD . Ein hervorragender Repräsentant, der auch von politisch anders denkenden geachtet und respektiert werde. Trautner überreichte dem langjährigen Vorsitzenden Ludwig Leisentritt die Willy Brandt-Medaille. Sein Dank und ein Blumenstrauß ging auch an Renate Leisentritt dafür, dass sie ihrem Gatten all die Jahre die nötige Rückendeckung gab.

bra